Zum Fest wird nichts dem Zufall überlassen: Sieben Gebrauchsanweisungen für Mord, Liebe und andere Katastrophen

 

Die einen sagen, das Schönste am Fest ist die Vorfreude. Andere meinen, das Schönste an Weihnachten ist, dass es vorübergeht.
So unterschiedlich klingen denn auch die Weihnachtshörbücher, die im Grunde nur eines eint: Sie lassen sich besser nach den Feiertagen genießen. Denn die Aufmerksamkeit, Geschichten zuzuhören, bringt - seit jemand auf die Idee kam, dass Geschenke sein müssen - wohl kaum einer vor Weihnachten auf.

Wenn der Christbaum brennt

Beinahe in jedem Hörbuch wird das Fest generalstabmäßig geplant und nichts dem Zufall überlassen. Doch der kleinste Patzer kann schon zur Katastrophe führen. Etwa, wenn man am falschen Tisch Platz nimmt. Oder: "Wenn der Christbaum brennt" (Herbert Rosendorfer, Friedrich Torberg u.a. Gelesen von Louise Martini. LangenMüller, München 2007, 1 CD, 60 Minuten. 4,99 Euro). Schmerzlich vermisst man zwar die Beiträge von Robert Lembke und Ephraim Kishon, die für dieses Hörbuch angekündigt waren. Aber es bleibt eine hübsche Sammlung von sieben Geschichten, bei der Louise Martini jede Figur mit eigenem Charakter spricht. Hier ist Weihnachten nicht nur die Hochsaison der gegenseitigen Einladungen, sondern auch der Alkoholexzesse (Santa Claus säuft Bier und guckt Fußball), der Ohrfeigen (Schenken ist eben eine Kunst) und der Verzweiflung: Dabei fängt alles mit einem niedlichen Weihnachtsdackel an. Doch der hat Schaum vorm Mund - "wahrscheinlich die Tollwut" - und stürzt Familie Besenrieder in eine Krise. Frau und Kinder, Job und Geld verlieren, das ist eine weniger schöne, aber durchaus mögliche Bescherung.

Weihnachten bei den Buddenbrooks

Anderswo zieht derweil das Aroma des Festes (es riecht streng bürgerlich) durchs Haus. Draußen herrscht scharfe Luft, drinnen zerfällt die Familie: die Konsulin, der Senator, die Cousinen, Cousins, in ihrer Mitte auch ein Angeklagter. "Weihnachten bei den Buddenbrooks" (Thomas Mann. Sprecher: Gert Westphal, Polygram, Hamburg 1990, 1 CD, 53 Min., 15 Euro) gleicht einer theatralen Aufführung. Es ist das 8. Kapitel des 8. Teils des Klassikers von Thomas Mann, bei dem der Baum geschmückt wird wie die Sprache. Jedes Wort funkelt wie eine Kugel und in den Satzgirlanden tummeln sich: Engelchen, Tannenbaum, Lebkuchen, Marzipan, fromme Botschaften und leuchtende Kinderaugen - all jener Traditionskitsch, den etwa Dietmar Bittrich tief verabscheut.

Das Weihnachtshasserbuch

Denn Bittrich zündet in seinem "Weihnachtshasserbuch" (Dietmar Bittrich. Olli Briesch liest. Mattscheibe, Köln 2007, 4 CDs, 272 Min., 13 Euro) höchstens drei Kerzen an, ignoriert den vierten Advent und alles, was danach kommt. Er röstet die Schwiegermutter, lädt Tanten aus, erfreut sich an boshaften Sprüchen und gibt Überlebenstipps. Jedoch: Seine Gebrauchsanweisung in 45 Kapiteln nervt 45 Mal mit dem gleichen Weihnachtsjingle. Dazu liest Olli Briesch mit sparsamer Intonation auf dünner Frequenz. Spätestens wenn er Aphorismen von Ionesco, Clinton, Warhol oder Hitchcock runterspult, endet die originelle Idee in ödem Bemühen. Weihnachten zu hassen, wirkt da scheinheilig.

Weihnachts-erinnerungen

Dann lieber ein aufrichtiges Bekenntnis wie dieses: Weihnachten beginnt für einen kleinen Jungen und eine alte Frau schon im November. Denn da ist Früchtekuchenwetter. Vanille parfümiert die Luft und Whisky balsamiert den Teig - 31 Kuchen wollen Buddy und Miss Sook backen. Diese "Weihnachtserinnerungen" (Gelesen von Daniel Brühl. Kein & Aber, Zürich 2007, 1 CD, 60 Min. 16,90 Euro) von Truman Capote, der sich nie aus dem Paradies der Kindheit vertreiben ließ, sind eine sprachmächtige Reise in die Zeit der Unschuld. In "Weihnachten mit Vater", der zweiten Capote-Geschichte, ist Buddy dann 25 Jahre älter. Viel zu spät buhlt da sein Vater um Zuneigung. Ein sentimentaler Sehnsuchts-Blues aus New Orleans, bei dem Daniel Brühl (eine gute Wahl) das traurige Gefühl ohne jede Larmoyanz moduliert.

Der Weihnachtshund

Malediven oder Weihnachtsbaum? Das klingt weitaus unbeschwerter. Zwar hat Max viele Freunde, mit denen er Pferde stehlen könnte, aber keinen, der seinen Hund versorgen würde. Erst als Katrin kommt, blättert sich ein Weihnachtstagebuch auf (beginnend am 1. Dezember) das zeigt, was in 24 Tagen möglich ist: Karriere, Absturz, Betrug, Liebe, Enttäuschung und Überraschung. "Der Weihnachtshund" (Daniel Glattauer. Sprecher: Ulrike Grote, Peter Jordan. HörbuchHamburg, Hamburg 2007, 4 CDs, 275 Min. 23 Euro) empfiehlt sich für Singles, die vom Happy End zumindest schon mal gehört haben wollen.

O du schreckliche

Weniger happy enden die Weihnachtskrimis bei "O du schreckliche" (Ingrid Noll, Patricia Highsmith, Henry Slesar, P.D. James. Sprecher: Uta Hallant, Alice Schwarzer, Hans Korte. Diogenes, Zürich 2007, 2 CDs, 150 Min. 19,90 Euro).
Ingrid Noll wartet mit einem diebischen Zimmermädchen und einem vorhersehbaren Ende auf. Patricia Highsmiths Weihnachtsuhr tickt zu lange gegen die Zeit. Da hält sich der Schauer zurück. In der dritten Erzählung aber lässt Henry Slesar Kommissar Lou Walters ermitteln. Ein Ehemann ist an Weihnachten spurlos verschwunden. Dramatisch, überraschend, mysteriös - so triumphiert ein Weihnachtskrimi.

Der heilige Erwin

In einem Krimi ist auch Gott gelandet, genauer: im Körper eines Obdachlosen. Nun ist er "Der heilige Erwin" (Jasna Mittler. Sprecher: Hugo Egon Balder. Eichborn Lido, Frankfurt/M. 2006. 1CD, 83 Min. 15 Euro) und fällt fast vom Glauben ab: Etwa, als er pummelige Tonfiguren mit roten Wangen entdeckt. Gott erinnert sich nicht, jemals solche Kreaturen geschaffen zu haben. Das seien Engel, verdammt nochmal, pöbelt die Verkäuferin. Gott ist frustriert - seine Mission, die Menschen zu bekehren, scheitert wohl. Bald muss er zurückschweben, denn am 24. Dezember hat sein Sohn Geburtstag! Diese amüsante Weihnachtsgeschichte in 24 Kapiteln verzichtet im Finale leider nicht auf Moralisierendes, wird aber von Hugo Egon Balder wie eine kleine Offenbarung vorgetragen.

So gibt sich Weihnachten 2007 in den Hörbüchern besinnlich: Mancher besinnt sich, dass er seine Verwandten nicht mag, Gott besinnt sich der Menschen. Gleichwohl finden sich auch herrliche Möglichkeiten, Weihnachten zu feiern - und trotzdem glücklich zu sein.