Staunen ist das erste Gebot der Philosophie. Misstrauen das erste Gebot des Geldes. Und der Schrecken gehört zu Edgar Allen Poe wie die feine Gesellschaft zu Agatha Christie. Was im Urlaub passieren kann und, was Weihnachten auf keinen Fall passieren darf, was Glück ist und, was eine Zumutung - davon höre ich gern. Hier meine Hörbuchempfehlungen.

Beim Autofahren, das ist bewiesen, verhindern Hörbücher einen Bleifuß. Im Bus kann niemand mehr am Titel des Schutzumschlages gemessen werden. Freunde geben nichts mit Eselsohren zurück. Der Bettpartner darf sich beim Einschlafen demonstrativ wegdrehen, kann aber nicht mehr mit dem Ausknipsen der Lampe bestrafen. In der Badewanne wird kein Papier nass. Und die Zigarette lässt sich auch besser genießen. Hörbücher sind eine segensreiche Erfindung. Ich liebe sie.

Auf ein Wort

Wenn ich mich so auf dem Markt umhöre, erreichen das Ohr jedoch auch Produktionen, vor denen dringend gewarnt werden muss. Dinge, die zu töricht sind, um ausgesprochen zu werden, wurden bisher in Schlagern gesungen oder für Schmonzetten aufgeschrieben. Längst werden sie auch als Hör-CDs produziert. Es gibt schlimme Kinder, schlimme Reisen, schlimme Zeiten und überhaupt schlimmste Arztromane: Da bekommt die Liebe bereits die dritte Chance von "Dr. Norden". So unerhört, dass es im besten Fall ungehört bleibt.
Den Trend an sich bestimmen weiterhin Krimis und Thriller, aber indes entstehen auch Nebenschauplätze: Da geht es etwa um Regeln für erfüllten Sex. Rückenprobleme? Kopfschmerzen? Tiefenverspannt? Auch kein Problem. Doch sind die spirituellen Selbstheilungsentwürfe meist nur leere Versprechen - in voller Absicht.
"Blut und Sperma" verkaufen sich am besten, heißt es. Doch die Wahrheit ist: Blut fließt, Sperma tröpfelt. Mörder finden ihre Liebhaber, Sexmonster suchen sie noch. Die sogenannte erotische Literatur stöhnt uns entgegen: „Ich hab's kommen hören." Und das Publikum? Stellt sich taub.

Der Begriff Hörbuch ist eben ungeschützt. Man kann nicht davon ausgehen, dass hier nur feine Literatur zum gesprochenen Wort wird. Immerhin: Die Belletristik verteidigt mit 51 Prozent noch tapfer den Großteil des Gesamtangebotes - von Jane Austen über Daniel Kehlmann bis Sasa Stanisic.

Willkommen in der Welt der Literatur. Wo sich Jedermänner und Sonderlinge, Nutten und Terroristen nur so tummeln. Hier wird eine Amnesie vorgetäuscht oder herbeigeführt, eine Liebe beseitigt oder ausgegraben. Da berauscht man sich an Drogen oder Gewürzen, Geld oder an sich selbst. Überall werden Fallen ausgelegt, Rechnungen aufgemacht, Indiskretionen lanciert. Und Leben verändern sich plötzlich - durch einen Sommer oder eine Schachfigur, ein Dinner oder ein Unwetter.
Nun, um von all den Propheten, Gelegenheitskriminellen, Schöngeistern, Über- und Untertreibern zu erfahren, muss man Zeit mitbringen - denn das durchschnittliche Hörbuch pendelt sich bei sechs CDs ein, wobei die Vorlage da immer noch um 40 Prozent gekürzt wurde.

Das spaltet die Hörerschaft: Es gibt Enthusiasten, die lieben nur die vollständigen Fassungen. Die wollen Futter. Die Dekorationskonsumenten dagegen interessiert bei einer Brecht-Rundum-Box weniger Ekkehard Schall, Ernst Busch oder Hilmar Thate, sondern eher die attraktive Verpackung - die sich als Büroschmuck oder Repräsentationsgeschenk empfiehlt. Und schließlich gibt es die Breakables (zu denen ich mich auch zähle), die nur sporadisch hören. Die mehr als zwei CDs als Zumutung empfinden und gekürzte Fassungen als hilfreiches Filtern aufs Wesentliche gutheißen. Diese unterschiedliche und in jedem Fall anspruchsvolle Kundschaft gilt es zu bedienen.

Als sei dies nicht Herausforderung genug, hört die Kundschaft nicht nur nach Länge, sondern auch nach Stimme. Dabei haben sich Synchronsprecher wie Hansi Jochmann (Stimme von Jodie Foster), Christian Brückner (Robert de Niro, Marlon Brando), Frank Glaubrecht (Richard Gere) oder Joachim Kerzel (Jack Nicholson, Dustin Hoffman, Anthony Hopkins) bewährt. Auch Stimmen deutscher Schauspieler wie Rufus Beck, Otto Sander und Ulrich Noethen haben eine stete Fangemeinde. Diese Sprecher garantieren dem Hörer, einem Buch gerecht zu werden. Und manchmal überbieten sie sogar noch die Vorlage.
Sehr kleine Verlage können teure Schauspieler kaum bezahlen, aber ihre Stunde schlägt etwa, wenn Rechte frei werden und preiswerte Produktionen möglich sind. Dann kommen Kafka, Rilke, Tucholsky in einer großen Welle. Der aufmerksame Verbraucher bemerkt sodann: Aha, der Autor ist jetzt 70 Jahre tot!
In das satte Angebot mischen sich nicht zuletzt noch die öffentlich-rechtlichen Medien mit Großproduktionen oder Hörspielen. Der Konsument soll hier auf kompetente Auswahl und sorgfältige Regiearbeit vertrauen. Aber wie orientiert er sich tatsächlich?
Manchmal helfen Bestsellerlisten. Manchmal hilft man sich selbst - und nutzt seine Entdeckerfreude bei Hörproben. Vielleicht kann ich hier ein wenig helfen.

Je mehr Nischen sich jedenfalls öffnen, desto mehr Hörer werden sich einrichten. Ob im Bus, in der Badewanne, im Bett oder in der Dunkelheit. Viel Spaß!