Mitten in Berlin gibt es eine Baustelle. Sie entstand, noch bevor meine Tochter geboren wurde - sie stand auch von der Einschulung bis zum Abitur - und sie wird noch stehen, wenn meine Tochter mit ihrem Studium fertig ist. Wie die Staatsbibliothek  unser Leben begleitet ...

 

 

 Vieles hat sich in 20 Jahren verändert: Früher brachte ich meine Tochter auf diesem Weg zum Kinderballett, heute ist sie erwachsen.  Eines blieb unverändert: die Baustelle. Foto: Berliner Zeitung/Pauluis Ponizak

Vieles hat sich in 20 Jahren verändert: Früher brachte ich meine Tochter auf diesem Weg zum Kinderballett, heute ist sie erwachsen. Eines blieb unverändert: die Baustelle.

Die Verkehrsinformation könnte so lauten: „Stadtgebiet Berlin. Universitätsstraße und Charlottenstraße: Zwischen Unter den Linden bis Mittelstraße sind die Fahrbahnen jeweils auf einen Fahrstreifen verengt und nur in eine Richtung befahrbar. Dort sind Baustellen.“
Aber: Rundfunk und Internet sind diese Verkehrsbehinderungen längst keine Meldung mehr wert. Denn gebaut wir hier  schon immer.
So richtig verstehe ich es nicht.
Seit wann  eigentlich stehen  hier die Gerüste und die Baucontainer? Seit wann ist nur eine Spur befahrbar und nur eine Straßenseite begehbar? Das sind Fragen, auf die muss der Berliner erst mal kommen!
Viele kennen diese Straßen gar nicht anders als: halb gesperrt. Gab es dort jemals zwei Spuren? Zeitzeugen glauben, sich zu erinnern.
„Irgendwas wird da gebaut“, sagt mir ein Passant. Aber was, wisse er auch nicht. Irgendwas – das ist die Großbaustelle Staatsbibliothek. Ein Projekt, noch größer als das Reichstagsgebäude. Mitten in der Stadt und doch im Verborgenen.
„Sieh mal an“, rief ich meiner Tochter zu, als ich sie zum ersten Mal zum Kinderballett brachte. Das war 1996.  „Hier steht  immer noch das Gerüst auf der Straße. Mal sehen, wie lange.“ 1998 wurde meine Tochter eingeschult – das Gerüst stand. 2006 hatte sie Jugendweihe – das Gerüst stand. 2011 machte sie den Schulabschluss – das Gerüst stand. Heute studiert sie im vierten Semester – das Gerüst steht.
Also wann begann die  Einengung der Straßen überhaupt? Die verbindlichste Aussage ist von der Bundesanstalt für Bau- und Raumordnung (BBR) zu erfahren: Die  Universitätsstraße ist  dort seit April 1995 so dokumentiert und die Charlottenstraße seit August 1995. Jedem Projektleiter wäre eine Komplettsperrung der Straßen „natürlich lieber“ gewesen, heißt es.
„Lieber“ wäre den Autofahrern und Fußgängern  eigentlich  etwas anderes. Das ist auch natürlich.
Gebaut wird an der Staatsbibliothek sogar schon seit 1991. Da widmete sich die Gründungssanierung den Dächern und Fassaden, dem Abriss der erst 1987 eröffneten Büchertürme und der etwa 2 700 Holzpfähle. 1991 – zu jener Zeit war meine Tochter noch nicht einmal geboren – begann auch die Umgestaltung des Reichstagsgebäudes.
Für beide Gebäude ist der Bund verantwortlich. Dabei ist die Staatsbibliothek (mindestens 406 Millionen Euro) nicht nur teurer  als das  Reichstagsgebäude (300 Millionen), sie ist auch größer. Der marginale Unterschied jedoch ist: Seit 1999 gehen die Abgeordneten im Bundestag ihrer Arbeit nach. Die Staatsbibliothek dagegen kürte ein Jahr später (im Jahr 2000) gerade mal den Entwurf des Architekten HG Merz und begann erst 2005 mit der  Umsetzung. Zum 350-jährigen Bestehen der Bibliothek sollte der Umbau dann fertig sein. Also 2011.  Aber …
Man muss keine besondere Altersmilde haben, man muss einfach nur Berliner sein, um zu ahnen, dass sich bei Großprojekten immer „unerwartete Baugrundbesonderheiten“ auftun. Immerhin: 132 Wochen Bauverzögerung stellt die  Bundesanstalt für Bau- und Raumordnung (BBR) im Internet offiziell dar.
„Das sind etwa 33 Monate. Fast drei Jahre!“, sagt meine Tochter. Und in der Tat: In nur zwei Jahren errichteten die Franzosen den Eiffelturm in Paris, in nur vier Jahren die Amerikaner die Golden Gate Bridge in San Francisco. „Überleg’ mal!“
Ich antworte: „Ja, aber das sind ganz andere Bauwerke. Zum Beispiel das Opernhaus in Sydney …“
Meine Tochter googelt: „Brauchten die Australier nur 14 Jahre.“
„Die Verbotene Stadt in Peking.“
„Brauchten die Chinesen auch nur 14 Jahre. Wären sie also spätestens 2005 fertig gewesen.“
„Dann die Akropolis in Athen.“ Ich las mal, sie habe die Griechen mehr als 60 Jahre in Atem gehalten.
„Ist nicht dein Ernst. Die Akropolis mit der Stabi zu vergleichen!“
Meine Tochter, jung und ungestüm, ist die Generation Flughafen, und muss in öffentliche Bauverzögerungen erst noch reinwachsen.
„Ich muss gar nichts“, sagt sie.
„Aber bedenk’ doch mal, was bei dieser Bibliothek an Organisation los ist.  Ich hörte, da sind 18 Sachverständigenbüros, 12 Planungsbüros und viele Gutachter  tätig.“
„Na und?“, sagt sie.
„Allein die Ausführung umfasst mehr als 11 000 Pläne! Und da sind die für Strom,  Heizung und Sicherheit noch nicht mal dabei!“
Es imponiert ihr nicht. Sie sagt:  „Sie bauen jetzt  seit mehr als  20 Jahren. Länger als der Bau der Pyramiden meist dauerte.“
„Ja. Aber damals gab’s noch keinen Brandschutz und  keine  Erhöhung der Mehrwertsteuer, keine Entsorgung der Schadstoffe und keine Gewerkschaft. Und kein Pharao musste sich strengen Vergabeverfahren aussetzen, schon gar nicht den europäischen.“
„Du müsstest Dich mal hören“, sagt meine Tochter. Und hat recht.
Ist das zu fassen? Warum verteidige ich plötzlich eine Baustelle?
„Weißt du“, vertraue ich ihr an, „dass schon in meinem Geburtsjahr, 1967, die Staatsbibliothek restauriert wurde?“ Damals machte sich der VEB Stuck und Naturstein an die Fassade. „Und im Archiv fand sich sogar noch ein Zeitungsfoto mit einem  großen Baugerüst auf der Universitätsstraße. Vom 9. 9. 1973.“
„Dann wurde also schon in den 60ern, 70ern und 80ern da gebaut?“
„Ja.“
„Und wann soll die Staatsbibliothek diesmal fertig sein?“, fragt sie.
„Wenn alles gut geht, 2015.“
„Wenn alles gut geht, habe ich dann meinen Abschluss.“
„Die Straßen aber werden erst später geöffnet, frühestens 2016. Wenn alles gut geht. Verstehst Du?“
Eines Tages wird sie es verstehen.
Und wenn sie es verstanden hat – dann soll sie es mir erklären.