Eine der gemeinsten Formen, vom Geld getrennt zu werden, ist Einkaufen. 

Jedes Wochenende betreten wir entschlossen den Supermarkt. Es ist nicht immer derselbe Markt, aber immer derselbe Entschluss: Diesmal kaufen wir nur, was wir brauchen! Kein Zeugs, keine Naschereien, kein Vorrat.  Wirklich nur das, was auf dem Zettel steht.

Erstmal frühstücken wir – bloß nicht hungrig einkaufen! Manchmal fahren wir dann zu Ullrich, dort gibt  es Parkplätze.  Ullrich ist zwar nicht gerade ein Discounter, dafür aber eine sentimentale Erinnerung an jene Zeiten, als wir dort  wohnten:

Als das Einkaufsparadies im Mai 1993 an der Mohrenstraße eröffnete, gab es  ringsum nur einen Gemüseladen und ein Lebensmitteleck. Bis dahin hatten wir nichts vermisst.

Dann kam Ullrich. Wir kannten schon dessen Filialen am Zoo und in der Wilmersdorfer Straße – und fanden sie ’n bisschen schmuddlig. Aber in einer Zeitung stand, wie  „reizvoll“ diese Märkte seien, und dass die Menschen „verzückt durch deren Gänge  schleichen“.  In demselben Artikel wurde unsere Gegend für „betongrau und zugig“ erklärt, hier  schlich nur eine „Kühle um die Wohnmaschinen“. Dass sich Ullrich in diesen finstren Osten getraut hat! Inmitten dieser „windigen Verhältnisse“ jedenfalls breiteten sich plötzlich mutig 2400 Quadratmeter  aus:  blitzsauber und makellos.

Ich rief: „Kinder, haltet die Lider offen, strafft den Sehnerv, stellt die Pupillen fest!  Das ist das Eldorado.“  Und dann verspürte ich es schlagartig: das Intershop-Gefühl. Es überkam mich in der Drogerieabteilung, durch die Lenor-Düfte. Herrlich! Doch die ersten Einkäufe waren pure Kapitulation: 40.000 Artikel im Sortiment konnten einen schnell überfordern.

Allmählich aber gewöhnten wir uns an das Angebot. Was einst als Feinkost galt, wurde bald Grundnahrungsmittel. Der Mangel an Anspruch wurde verdrängt vom Mangel an  Bescheidenheit. Mit den Jahren hat sich viel geändert. Aber den Single Malt Whisky  für 1.800 Euro? Nö! Der wird zwar immer im Regal stehen, aber nie auf unserem Zettel.

Ach groß ist das Sortiment und breit die Kundschaft. Hier trifft und  traf man so manchen Ex:  Ex-Politbüroler Günter Schabowski ebenso wie Ex-Treuhandchefin Birgit Breuel, Ex-Vizekanzler Franz Müntefering, Ex-Hertha-Trainer Jürgen Röber, Ex-Finanzminister Peer Steinbrück oder Hans Eichel... Bekannteste Stammkundin ist die Kanzlerin Angela Merkel, immer begleitet von Bodyguards und immer entspannt. Jeder mag wohl die diskrete Atmosphäre. Und die  kurzen Wartezeiten an den Kassen – darauf legt Ullrich nämlich Wert. Alles ist unaufgeregt, auch wenn der Designer Harald Glööckler hereinweht.

Überhaupt, die einzig Aufsehen erregende Begegnung hatte mein Töchterchen in den 90ern: als eine Schauma-Blase zwischen den Regalen schlenderte. Wie sich herausstellte, war unter dem riesigen Schaumstoffkopf ein Bekannter  von uns – ein Musiker, der sich etwas Geld als Werbemaskottchen verdiente. Er erzählte, dass er auch hätte als Zahnbürste gehen können, aber die Schauma-Blase wählte, weil die Firma ihm wegen des gewaltigen Plüsch-Kopfes einen Pkw Kombi(!) geben musste. „Clever“, sagten wir und gratulierten. Als mei-ne Tochter später in der Schule erzählte, dass ihre Eltern „die Schauma-Blase von Ullrich persönlich“ kennen, wurde sie von allen bewundert – einige Kinder versuchten daraufhin, sich mit ihr anzufreunden.

Heute gehen wir ohne die Kinder zu Ullrich, müssen nur noch uns versorgen. Doch ist der Korb leerer?

Prinzipiell ja, denn  ich kaufe wie ein Profi und falle nicht auf  die  Farb-Psycho-Spielchen der Märkte rein: Weißes Licht signalisiert fangfrischen Fisch, Orange  meint leckeren Käse, goldige Wärme das knusprige Ofenbrötchen und unterm Rotfilter lockt das Bio-Fleisch. Das soll wohl dazu animieren, mehr zu kaufen...

An der Kasse fragt mein Mann oft: „Und das stand alles auf dem Zettel?“. Ich antworte ihm mit meinem Falls-unverhofft-Besuch-kommt-das-man-was-zum-Anbieten-hat-Achselzucken. Und packe das Band voll.

Nun ja, Ullrich zielt auf den Zettel und trifft das Portemonnaie. Am Ende zahlen wir die doppelte Summe dessen, was vermeidbar gewesen wäre. Ich hab’ ein schlechtes Gewissen. Und bin glücklich.