Die Menschen haben eine schlechte Angewohnheit: Sie werden älter.

Mein Schwiegervater sagt immer: „Altwerden ist Mist.“ Das bewegt mich, denn ich sehe das anders.  Aber tatsächlich: Mit dem Alter kommen auch die  Krankheiten  - und die sind ein Luxus, den man sich heutzutage erstmal leisten können muss...

Zum Beispiel meine Mutter. Sie ist vor drei Jahren gestürzt und lag hilflos einen Tag lang in ihrer Wohnung. Ich habe sie erst nachts gefunden, und auch nur, weil ich mir Sorgen machte, da sie nicht ans Telefon ging. Sie hatte sich die Hüfte links gebrochen. Ich weiß es noch genau, es war der 30. Juni. Als der Krankenwagen kurz vor Mitternacht kam, waren 10 Euro zu zahlen. Als sie kurz nach Mitternacht im Krankenhaus eingeliefert wurden, waren wieder 10 Euro fällig – Sie wissen schon: 1. Juli, neues Quartal!

Es folgten Op und Reha, etliche Begegnungen mit dem Medizinischen Dienst der Krankenversicherung und der Pflegekasse, Gutachten und Minutenzeitrechnungen, Wohnungsumbau und Anschaffung von Hilfsmitteln. Daraus ließe sich eine Fortsetzungsreihe schreiben. Nur soviel: Seitdem ist meine Mutter ein Pflegefall. Man muss sagen: „Bedauerlicherweise“ ist sie im Kopf immer noch fit. Nicht nur, dass sie dadurch die ganze Behörden-Mühsal mitbekommen hat, ihr guter geistiger Zustand hat auch anderthalb Jahre lang erfolgreich ihre Pflegestufe verhindert.

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Ich war sehr besorgt um meine Mutter. Schlimmer aber noch: Ich bin nicht als gelernter pflegender Angehöriger zur Welt gekommen. Ich musste mich in eine Menge reinarbeiten, vieles kannte ich nicht. Am Ende war nicht die aufwendige Pflege meiner Mutter die Herausforderung, sondern der Zynismus der Behörden.Wie bekommen das eigentlich Alleinstehende hin…

Ihr linkes Bein war nun einen Zentimeter kürzer. Wir lebten damit. Dann fiel meine Mutter nochmal hin. Brav auf die rechte Seite. Op, Reha, Sie wissen schon. Nun waren beide Beine wieder gleich lang.  Wir einigten uns in der Familie darauf, dass sie nun keine weitere Option mehr hätte.

Doch vor vier Wochen ist es wieder passiert. Ich hatte schon fast vergessen wie es war: Die Notaufnahme, wo Patienten genötigt werden im Wartezimmer(!) Urin zu lassen, wo eine Röntgenaufnahme vier Stunden dauert, wo Neuaufnahmen in ein hochinfektiöses Zimmer  geschoben werden können und aus der „Übergangszeit“ mehrere Tage werden. Weil so etwas nicht verboten ist. Ihre Bettnachbarin hatte Bakterien, die noch nicht erforscht, aber „keinesfalls ansteckend“  waren. Wie man uns versicherte.  Kurz nachdem wir endlich eine Verlegung erreicht hatten, wurde meine Mutter auch schon aus dem Krankenhaus entlassen. Plötzlich erwies man sich als sehr flexibel: um 10.19 Uhr kam die Nachricht per Mail, um 11 Uhr war ihr Bett schon für jemand anderen frei. Die Geschichte ließe sich endlos fortsetzen.

Bitte werden Sie nicht alt - und krank. Und wenn doch - versuchen Sie, nicht am System zu verzweifeln.Wir sind jedenfalls  unverhofft viel in Berlin rumgekommen, haben gute und weniger gute Orte kennengelernt, Krankenhäuser und Tageskliniken, Pflegestationen und Rehakliniken. Was nun, Mamel? Ist Altwerden Mist? Oder willst Du einfach nur wissen, wie lieb wir dich haben?

Meine Mutter, 86, hat die Chuzpe, wieder auf die Beine kommen zu wollen. Sie sagt: „Es gibt so viele Möglichkeiten, sich das Leben versauen zu lassen - ich habe einfach noch keine Lust mich daran zu beteiligen.“