Auf der Suche nach Originalität und dem echten Lebensgefühl: Ein Stadtspaziergang entlang der Mühlenstraße zeigt Hotspots, Clubs und ein Stück hippes Berlin. Aber so sehr man sich bemüht, es bleibt eine kleine Entgnügungstour.

 

Es ist ein Stück Heimat. Aber fühlt man sich hier auch heimisch?

Auf der Mühlenstraße zwischen Oberbaumbrücke und Ostbahnhof schlendert man nicht einfach so entlang. Jedenfalls kommt kaum ein Berliner auf die Idee. Der Berliner steuert meist nur schnurstracks auf ein Ziel zu: Weil er im Mercedes-Benz-Vertrieb arbeitet oder zu den Eisbären in die O2 World will, zum Konzert in den Postbahnhof oder zum Public Viewing in den Sommergarten. Weil er an der Spree chillt oder sich im karibisch-afrikanischen Yaam mit Freunden trifft. Aber hier spazieren gehen?

Die Stadt kann so großartig geschmacklos sein, manche Ecken hat der Berliner indes sogar lieben gelernt. Warum eigentlich nicht auch diese in Friedrichshain? Millionen Menschen gehen Jahr für Jahr die Mühlenstraße entlang, sie kommen aus aller Welt und laufen bei Wind und Wetter die 1,3 Kilometer langen Mauerbilder ab. Der Berliner dagegen nimmt die Kunstwerke oft gar nicht mehr wahr – die East Side Gallery ist hier so dominant, dass sie einen auf Dauer ermüdet.

Ja aber, wenn sie die Touristen so magisch anzieht, dann würde man als Lokalpatriot schon gern erfahren, was die Magie ausmacht? Und ob die Mühlenstraße vielleicht doch mehr zu bieten hat? Also, was hier noch so zu entdecken ist ...

Weit und breit kaum Berliner

Enrico Hesse, der Betriebsleiter der Eventlocation PiratesBerlin, spricht, nach der Mühlenstraße befragt, sofort von der „Touristenattraktion“. Er sagt: „Wegen der Gallery sind wir hier.“ Dafür wurde der Mühlenspeicher wieder mal umgebaut: drinnen mit Restaurant und Club, draußen mit Terrasse und Strand. Vorbei die Zeiten, als sich hier die Riesendisko „Speicher“ austobte, die, so hört man, ein „Drecksladen“ gewesen sein soll. Aus eigener Erfahrung ist sicher, dass es dort einst das schlechteste Frühstücksbuffet der Stadt gab. Heute gibt’s gepflegte Speisen und „Die legendäre Schlagerparty“. Wenigstens klingt das weder nach Komasaufen noch nach harter Szene.

Da passt es, dass der glatte East-Side-Park gleich nebenan ist. Kein Landschaftsidyll mit üppigem Baumbestand, sondern eine 1,6 Hektar große Magerrasenfläche am Ufer, die bei freundlichem Wetter von Sonnenhungrigen eingenommen wird. Hier dient die Gallery als Sichtblende und Schallschutz vor der stark befahrenen Mühlenstraße.

Doch so sehr man sich bemüht, der Spaziergang ist eine kleine Entgnügungstour. Irgendetwas fehlt. Dabei will die Mühlenstraße so vieles sein, doch sie hat von allem nur ein bisschen: hier ein bisschen Wasserquartier und Freizeitfläche, da ein bisschen Wirtschaftsraum und Hotspot. Das aber wirkt so flüchtig und fremd: Hier müsste mal eine kräftige Welle pures, berlinerisches Lebensgefühl von der Spree rüberschwappen und die Flächen bis hin zu den Bahngleisen mit Seele überspülen

„Ick denk manchmal, ick bin der einzije Berlina weit und breit“, sagt Uwe Münke, der seit 1996 als Kraftfahrer bei der Berliner Stadtreinigung (BSR) arbeitet. Wahrscheinlich hat er recht. Münke findet die Gallery sei „ein wichtiges Mahnmal“. Aber: „Ob sie in dieser Länge bleiben muss?“ Sein Kollege Winfried Becker fügt hinzu: „Zur Wendezeit war das irre. Da haben die Malereien das Bedrohliche geschickt zweckentfremdet und standen für Aufbruch. Da wurde ein Todesstreifen in ein Kunstwerk verwandelt. Aber heute wirkt alles bunt und harmlos. Bunt und harmlos war es damals aber eben nicht.“

Bald zeigt sich, dass man an der Gallery nicht vorbei kommt. Karsten Tietz, Manager des EastSideHotels sagt: „Die Gallery ist Teil unserer Historie. Ob man die mag oder nicht“. Nun ja, das Hotel – in dem Iron Maiden und Schulklassen, die H-Blockx und Rentner mit Halbpension übernachten – wirbt im Logo auch mit dem bekannten Bild „Bruderkuss“. Doch die Herberge setzt sonst mehr auf Individualität, etwa mit einer 24-Stunden-Gastronomie. Tapfer widersteht sie mit ihren 36 Zimmern den Großhotels aus der Nachbarschaft mit mehr als 1000 Betten. Das Haus versteht sich als Original – und berücksichtigt man, dass es in der Mühlenstraße nur wenig alte Substanz wie diesen Bau von 1840 gibt – dann ist es eines. Wie auch das alte BSR-Gebäude.

Überhaupt muss man historische Spuren in der Mühlenstraße suchen. Es fehlt hier an Vertrautheit, an einem Erbe, mit dem man etwas identifizieren kann. Wer kennt schon die Geschichten von den Gestrandeten und Glückssuchern, von den Halunken und Spelunken rund um den Schlesischen Bahnhof? Viel eher erinnert man sich an die Öde zu DDR-Zeiten, die entvölkerte Gegend und die frustrierende Mauer.

Erst als in der Nachwendezeit die Underdogs dem Charme des Verfalls huldigten, enthusiastisch und unvoreingenommen das Gelände vereinnahmten, bekam die Straße wieder Puls. Bis heute gibt es einen regen Clubgrenzverkehr, etwa zwischen dem Magnet, Magdalena, FritzClub oder Yaam. Wer hier nachts mit dem Auto unterwegs ist, sollte brems- und slalomsicher sein, denn da purzeln schon mal Clubgänger auf die Straße. Oder regeln widerrechtlich den Verkehr. Was Promille eben alles auslösen.

Und tagsüber? Gibt’s neuerdings auf der Mühlenstraße eine Rush Hour. Seit Mercedes-Benz im Sommer mit 1200 Mitarbeitern herzog, gibt es hier so was wie Bürozeiten. Mit dem Einzug der 2000 Zalando-Mitarbeiter im April und bald mit der Eröffnung des Holiday Inn, mit den 420 Wohnungen in zwei Wohntürmen und dem Einkaufszentrum wird sich die Betriebsamkeit noch verstärken. Die strategisch perfekte Lage am Wasser mit bester Anbindung durch Bus, Straßenbahn, S-Bahn, U-Bahn, ja sogar Fernbahn ist perfekt, das reizt Investoren. So wächst die Mühlenstraße immer dichter an Mitte heran – aber auch an das Lebensgefühl der Berliner?

„Urbanität ist ein schönes Wort, aber jeder versteht etwas anderes darunter“, sagt Michael Kötter, geborener Friedrichshainer und Chefentwickler der Anschutz Entertainment Group. Die Gruppe ist der Investor der O2 World, jenem blauen Raumschiff, das 2008 hier landete und für seine 150 Veranstaltungen im Jahr bekannt ist. Manch Berliner aber erobert lieber die Freifläche vor der Arena: Auf der kann man nämlich prima Skateunterricht nehmen und lernen, wie man sicher bremst. Natürlich ist man nach ein paar Übungsstunden vom Profiskaten noch weiter entfernt als vom Rippenbruch. Aber: schon dichter an einem heimischen Lebensgefühl. Wenigstens ein bisschen.

 

Die Mühlenstraße un dihre Umgebung: Geschichts-Splitter

Im  Jahr 1685 wurde an der heutigen Mühlenstraße die erste von mehreren Windmühlen erbaut.
200 Jahre später kam hier die Industrialisierung in Höchstform: beispielsweise mit den Mörtelwerken, einer Papierfabrik, Textilmanfakturen, Maschinenbau, Elektroindustrie, nahe waren auch die Gasanstalt und das Wasserwerk. Hier gingen Menschen zur Arbeit, hier wohnten Menschen. Manche wurden reich, wie der Kohlehändler Eduard Arnold, der es  sich leisten konnte, Werke von Manet, Monet, Liebermann und anderen zu sammeln. Die meisten blieben arm.
Anfang des 20. Jahrhunderts gab es um den  Stralauer Platz  eine Schule, ein Gesellenheim, ein Freibad, Gaststätten, Destillen, Miets- und Freudenhäuser. Es bildete sich ein Milieu aus Großstadttypen und Kleinkriminellen, alsbald erwarb sich jenes Armeleuteviertel den Ruf als „Chicago von Berlin“.
Am Schlesischen Bahnhof (1950 in Ostbahnhof umbenannt) kamen Gestrandete an – und reisten Glückssucher aus.  Hans Fallada schrieb von „trostlosen Fassaden, üblen Gerüchen und verzweifelter Schamlosigkeit“. An jenem Bahnhof betrieb Carl Großmann einen Wurststand – er ging später als Serienmörder in die Kriminalgeschichte ein:  Zwischen 1918 und 1921 wurden 23 Frauenleichen entdeckt. Erst nach seinem wahrscheinlich 24. Opfer wurde er als Täter entlarvt und als „Die Bestie vom Schlesischen Bahnhof“ bekannt.
Das Volksvarieté Plaza wurde 1929  von Jules Marx in einer ehemaligen Bahnhofshalle des Ostbahnhofs, etwas abgelegen von der Mühlenstraße, eröffnet. Das Theater fasste 3000 Besucher und hatte den größten Theaterrang der Welt (allein auf ihm fanden 800 Zuschauer Platz). Dieses Haus bot   großes Theater für den kleinen Geldbeutel. Dort wurde unter anderem Claire Waldoff  begeistert gefeiert  und  Paul Lincke wirkte als Kapellmeister. 1936 wurde die Bühne von der NS-Gemeinschaft „Kraft durch Freude“ übernommen. Der jüdische Direktor Marx wurde 1944 im KZ Sachsenhausen ermordet. 1952 wurde die Ruine abgetragen.
In der Spree wurde gebadet, so gab es etwa an der Mühlenstraße 50, wo 1888 eine Schule eröffnet wurde, eine Flussbadeanstalt sowohl für den Schwimmunterricht als auch für das Freizeitvergnügen. Auf der anderen Uferseite gab es schon seit 1817 die Pfuelsche Schwimmanstalt. Hier brachte  der Generalmajor Ernst von Pfuel Unteroffizieren einen neuen Schwimmstil bei – und erfand das  Brustschwimmen.
Zu DDR-Zeiten wurden auf dem Gelände der  Post und der Bahn beispielsweise Firmen wie der VEB Kohlehandel, die Konsum Handelsniederlassung, der VEB Deutsche Spedition oder VEB Kraftstoffe Minol ansässig.
Durch den Mauerbau wurde die Spree, einst die Lebensader, nun zum Todesstreifen – sogar für einen kleinen Jungen aus Westberlin: Cetin Mert  fiel am 11. Mai 1975 (seinem  fünften Geburtstag) beim Spielen von der Kreuzberger Seite ins Wasser – und ertrank. Zwei DDR-Grenztruppenposten fotografierten den Vorfall, geholfen wurde dem Kind nicht. Erst eine Dreiviertelstunde nach dem Unfall traf  ein DDR-Grenzsicherungsboot ein. 
Nach der Wende entdeckte die Club- und Musik-Szene das Gebiet für sich, und es entstand eine weiträumige Clublandschaft, die es bis heute gibt. Allerdings existieren längts nicht mehr alle Clubs, verschwunden sind das Nontox, Rezil Dezil, Casino, Ostgut oder die Busche.
Das Buch „Spreewasser, Fabrikschlote und Dampfloks – Die Mühlenstraße am Friedrichshainer Spreeufer“ von Lothar Uebel (mit Laurenz Demps und Angela Harting), herausgegeben von der Anschutz Entertainment Group, kostet 12 Euro und kann per Mail bestellt werden: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!.

Übrigens befindet sich in der Mühlenstarße einer der 50 besten Arbeitgeber Deutschlands 2014. Nein, es ist nicht Mercedes, es ist die Berliner Stadtreinigung (BSR). Das einzige Unternehmen dieser Stadt, das es überhaupt in diese Liste geschafft hat.  Und das nicht nur, weil die Betriebsspotrtgruppe für ihre Leute neuerdings Zumba-Workouts anbietet ...