"Nichtlustig": Fröhlicher Pessimismus in den Comics von Joscha Sauer

 

Beinahe hätte der Tod verschlafen. Er fühlt sich müde, die Arbeit schlaucht. Der Tod hat bekanntlich einen Vollzeitjob und auch heute gibt es wieder viel zu tun: Ein Stromschlag, ein Killervirus, ein Suizid und ein seltsamer Unfall warten noch auf ihn.

Willkommen in der Welt des Joscha Sauer. Da, wo es die Selbsthilfegruppe "Heuchler für Anfänger" gibt. Wo Yetis Wärmflaschen verkaufen. Und wo man beim Essen schnell den Verdacht hat, es wäre erst im Hals gestorben. Willkommen also in der Welt der Absurditäten von nebenan. Hier wohnt auch Herr Riebmann, etwas unkomfortabel in einer Wand - aber dafür spart er die Miete. Hier entwickeln Forscher Zeitmaschinen, damit man Pupse erst riecht und dann hört. Hier wehrt sich ein kleines Häuflein Scheiße gegen plumpe Fäkal-Witze. Hier scheitern Gangster an ihren Mordplänen, während Lemminge sich als kreative Selbstmörder in Szene setzen. Alle Kreaturen verbindet die aufrichtige Leidenschaft, treue Anhänger der völligen Unvernunft zu sein. Und alle geraten in die Krise - außer der Humor.

Joscha Sauer, 27 Jahre jung, Wahl-Berliner, Nachtarbeiter und Autodidakt ist gegenwärtig einer der talentiertesten Comiczeichner. Doch nach Abitur, Zivildienst und einem "deprimierendem Job" bei einer Internetfirma hoffte er eigentlich auf eine Gelegenheit, sich "im Filmgeschäft hochschlafen zu können". Es klappte nicht - seine wahre Leidenschaft war da schon das Zeichnen. Er hatte keinen Namen in der Branche, keinen Gönner. Aber er hatte Ideen. Diese brachte er fleißig zu Papier und entwarf - einsam, aber tapfer - seine Comics. Dabei waren ihm die Geschichten oft wichtiger als die Pointen. In seiner Welt gab es fröhlichen Pessimismus, konsequente Lebensverneinung und simple Anarchie. Das Desaster war ebenso heiter wie verbindlich. So begann Sauer, ahnungslos an (s)einer Erfolgsgeschichte zu malen.

Vor fünf Jahren sicherte er sich die Homepage www.nichtlustig.de. Sein Plan, dass dieser Name falsch verstanden würde, ging auf: Immer mehr Fans besuchten die Seite. Auch Wolfgang Kleinert von der Cartoonfabrik entdeckte den Selfmademan im Internet - und stellte seine Arbeiten vor drei Jahren aus. Vor zwei Jahren erschien dann beim Carlsen Verlag Sauers erstes Buch. Vor einem Jahr wurde er auf der Frankfurter Buchmesse "Newcomer des Jahres". Bis heute hat er 200 000 Bücher verkauft.

Mehr als 1 000 Comics sind indes entstanden, 200 Originale zeigt nun die Galerie am Kino. "Nichtlustig" ist nicht nur ein charmanter Etikettenschwindel, sondern auch ein kluges Konzept. Eine Art gefühltes Wissen um alles. Hier wird jede Logik durch sanften Spott auf den Kopf gestellt: Nie war der Tod so lebendig.

Weißt Du noch, wie es war als Du gestorben bist? Der Tod hat einen Gefährten - es ist der Pudel des Todes: schön kuschelig, schön rosafarben und schön respektlos. Die beiden reden darüber, wie der Pudel einst an einem Stück Toastbrot verreckt ist. Das ist - pardon für die naheliegende Pointe - nicht unlustig.

 

Berliner Zeitung, 29.09.2005