"Schnurlose Cartoons" von Erich Rauschenbach

Hallo, hier spricht dein Kühlschrank: Wein wird knapp, Saft ist alle, Wurst und Käse gehen zur Neige." Gabi überlegt wohl, ob sie ihn auffüllt, da gibt der Stuhl, der auch ein digitalisiertes Sprachmodem hat, zu Bedenken: "Vergiss es! Du bist heute schon wieder 267 Gramm schwerer als gestern." Und Gabi verflucht den Tag, an dem sie sich die voll elektronische Einbauküche hat andrehen lassen. Schließlich sitzt sie mit ihrer Resignation vor dem Frühstück und starrt entgeistert auf den Küchentisch.
Nur einer freut sich, Erich Rauschenbach. Denn Gabis Alltag ist der Stoff, von dem Karikaturisten wie er leben. Erst füllen sich Seiten mit Gabis oder Heidis, Konrads oder Heinzis, später ganze Bücher. Rauschenbach hat es in 25 Jahren immerhin auf mehr als 50 Exemplare gebracht. Und so lange menschliche Irrtümer den Alltag bestimmen, so lange macht sich der Zeichner auch vorbehaltlos darüber lustig.
Ein nicht enden wollender Fundus für Gemeinheiten ist für ihn etwa der Mann und seine Midlifecrisis: Rauschenbach hat allein mit seinem Buch "Vollkommen fix und vierzig" den so genannten Kultstatus erreicht. Es ist anzunehmen, dass eine Vielzahl genervter Ehefrauen gern zugegriffen hat - jedenfalls verkauften sich allein 500 000 Stück von jenem Buch. Der Mann, dieses Mitleid erregende Wesen, darf nach der Lektüre dieses Cartoonfeldzuges seine Melancholie noch etwas ausweiten - und alle Nichtbetroffenen können endlich jeglichen Zynismus beiseite lassen. Denn selten genug machen Krisenbewältigungen so viel Spaß.
Die allgemeine Freude an der wechselseitigen Unvollkommenheit ist es, die Rauschenbach beflügelt. Kein Wunder also, dass Männer und Frauen ein Dauerthema sind. Dabei müssen sie sich nicht einmal beleidigen, um deutlich zu werden. Das gegenseitige Verständnis ist oft schon Strafe genug - vor allem, wenn es so barmherzig daherkommt. Gibt es etwas Schlimmeres, als mit der Nachsicht des anderen durchschaut zu werden?
Das Muttersöhnchen, die Karrierefrau, der Trainingshosenträger, die Emanze, der Spießer, die Zicke, der Macho oder das Hausmütterchen - sie alle bekommen die volle Breitseite. Doch womit sie im Alltag ihre Nächsten quälen, darüber lachen sie, wenn sie die Cartoons sehen. Denn Rauschenbach, so scheint es, zeigt immer die anderen.
Ohne Zweifel, der Mensch ist wohl die einzige Spezies, die sich selbst nicht versteht. Sein Intellekt ist nur eine irrige Behauptung und seine Kommunikation nur eine Sammlung von Missverständnissen. Grund genug für Rauschenbach, auf moderne Kontaktmittel wie Internet und Handy einzugehen: Ein Liebespaar gibt den überraschten Eltern seine "Vernetzung" bekannt. Ein Ehepaar mailt sich am Esstisch den Salzstreuer rüber. Ein Mann bemerkt erst beim Fahren, dass er seine Autonavigations-Software mit der neuen Brigitte-Schnittmuster-CD seiner Frau verwechselt hat. Und Telefonsex hat Folgen - "Es ist ein Handy". Da ist es folgerichtig nur noch eine Frage der Zeit, bis das Hosenbein Faxe empfängt. Rauschenbach reicht so ein Lehrstück an Toleranz dar: Wenn es nichts mehr zu sagen gibt, wird eben gemailt, gefaxt oder telefoniert. Hauptsache, die Verbindung wird gehalten.
Nun zeigt die Cartoonfabrik von Sonnabend an "Schnurlose Cartoons" und widmet sich neben echten Rauschenbach-Klassikern auch seinen neuen Blättern. Die dort angesprochenen Tücken der Interaktivität haben die Ausstellungsmacher wohl dazu bewogen, ganz herkömmlich die Zeichnungen auf Papier auszuhängen. Und Recht haben sie: Wozu virtuelle Pannen riskieren? Gibt es doch genug menschliche Irrtümer.

Berliner Zeitung, 21.02.2002