Er ist der meistgelesene Satiriker der Nachkriegszeit, er glaubte an die Unverbesserlichkeit des Menschen - ein Nachruf auf Ephraim Kishon

Schalom (Shalom) ist mehr als nur ein Gruß im Sinne von Wohlergehen. Schalom meint auch den Wunsch nach gelingenden Beziehungen, nach innerem Frieden und einem heilen Leben. Schalom hofft auf Vollendung. Ephraim Kishon erfuhr zumindest von allem etwas: Er hatte Leser, die ihn liebten, er erlebte Israel als "Wunder des 20. Jahrhunderts" und er wurde 80 Jahre alt. Am Sonnabend erlitt Ephraim Kishon einen Herzanfall. Er starb in der Schweiz.
Ein Unverstandener
Auf die Frage, wie seine letzten Worte lauten sollten, antwortete er einmal: "Bei einer Liebeserklärung sagt man nur manchmal die Wahrheit." Das war typisch Kishon. Absolute Vollendung gab es für ihn nicht. Er hat den Dingen selten getraut, war ein Zweifler. Seine einzige Überzeugung war, dass es nicht viel gab, was ihn wirklich überzeugte. "Heute lügen Politiker so, dass auch das Gegenteil nicht stimmt", lautet eines seiner zahlreichen Zitate.
Als ungarischer Jude wurde er in ein Vernichtungslager transportiert, mit 21 Jahren hat er knapp den Holocaust überlebt. Zeit seines Lebens fühlte sich Kishon von Menschen unverstanden, die nicht dasselbe erlebt hatten wie er. Er pflegte eine isolierte Stellung. Ein Minister bot Kishon, der ein Haus in Appenzell hatte, die schweizerische Staatsbürgerschaft an. Doch Kishon wollte "kein Jude mehr sein in Europa".
Er war der erfolgreichste Satiriker der Nachkriegszeit, er hat den Glauben an die Unberechenbarkeit, Unbarmherzigkeit und Unverbesserlichkeit des Menschen nie verloren. Deshalb sah er in seinen Geschichten die Dinge so, wie sie sind - nicht, wie sie sein sollten. Kishon rechnete charmant ab. In seinem eher ernsten Roman "Mein Kamm" - in dem er vorführt, wie simpel sich Menschen manipulieren lassen - macht er sogar die Nazis zu einer gehörigen Lachnummer.
Bekannter jedoch sind seine Satiren. In denen karikierte er nicht nur den israelischen Alltag, sondern auch sich selbst. Unverblümt veranschaulichte er eigene Pleiten. Das machte ihn sympathisch und erfolgreich. Seine Erzählungen waren voller Lebensfreude. Und selten lernte man den Nahen Osten so kennen: Die israelische Politik beschrieb er mit ihrem Gesetzes-, Regel- und Verordnungswahn als unerhört kleinlich und chaotisch. Doch wann immer er behördliche Spleens beschrieb, schwang ebenso Zuneigung mit. Der Alltag bestand darin, dass alles anders kam, nichts klappte, aber niemand verzweifelte.
Kishons Kapitulation als Vater vor seinen drei Kindern Amir, Rafi und Renana ließ keinen Zweifel an Authentizität. Auch die Ehe blieb ein Fiasko, obwohl er mit Sara die beste, geistesgegenwärtigste und wohl coolste Ehefrau von allen hatte. Vierzig Jahre lang, bis zu ihrem Tod im Jahr 2002, waren sie verheiratet, allerdings nicht immer ein Paar. "Polygamie", so sprach Kishon aus der Sicht des Mannes, "zwingt einen Mann nicht zum Lügen". Sie erlaubt ihm, seine Ehefrau weiter zu lieben und dennoch in eine jüngere Frau verliebt zu sein. Eine Scheidung kam für ihn nicht in Betracht. Ein Jahr nach Saras Tod heiratete er die Schriftstellerin Lisa Witasek.
Manchmal war Kishon mit sich selbst streng - als würde er aus Furcht, es könnten andere über ihn richten, den Dingen gern zuvor gekommen. Manchmal war er sehr eitel: "Von mir sind 43 Millionen Bücher in 37 Sprachen erschienen. Wie kann ich da bescheiden sein?" Kishon fühlte sich von einflussreichen Kritikern übersehen. Er, der meist gelesene Satiriker, konnte nicht verstehen, dass sie sich seiner Arbeiten nicht annahmen. "Ich bin eine literarische Erscheinung, kein Witzbold." 2001 wurde er für den Literatur-Nobelpreis nominiert. Er bekam ihn nicht, sein größter Wunsch blieb unerfüllt.
Er war ein Stratege beim Schreiben, der erst mit einer Geschichte begann, wenn er sie bis zur letzten Zeile im Kopf hatte. Dann schrieb er seine Geschichten auf hebräisch mit einem Faber-Castell-Bleistift nieder. In seinen beiden Häusern in Israel und in der Schweiz hatte Kishon identische Schreibtische, in beiden Arbeitszimmern gab es schalldichte Türen. Kishon war extrem lärmempfindlich. So wie er sich überhaupt mit wenig abfinden konnte. Schon gar nicht mit dem Alter, es war für ihn eine Katastrophe. Und es hatte nur einen Vorteil: Endlich konnte, ja musste er sogar, seine Sünden gestehen - "bevor man sie ganz vergisst". Die Zeit war sein größtes Problem. Denn er bedauerte, nicht alle Bücher lesen zu können, die er lesen wollte. "Die Stapel werden immer höher."
Kishon war ein israelischer Patriot. Intellektuelle seines Landes sahen ihn als Hardliner. Dem kürzlich verstorbenen Palästinenserführer Arafat traute er nur Hetze und Terror zu. Sein Land sah er im Krieg mit der gesamten islamischen und arabischen Welt. Die Berichterstattung empfand er meist als antisemitisch. Er war verletzt. Ein Vermittler war er dennoch. Tatsächlich trug er unaufdringlich auch zur Versöhnung von Juden und Deutschen bei. "Ich schreibe nicht wie die Juden die Deutschen, sondern wie die Deutschen die Juden erleben".
Kishon suchte das Licht. Wohin auch immer er reiste, er hatte in seinem Koffer Halogenbirnen dabei. Die ließ er sich in den Hotelzimmern installieren. "Ich habe so lange in der Dunkelheit gelebt, ich kann sie nicht ertragen." Nach jüdischem Brauch wird neben den Verstorbenen ein Licht angezündet.

Berliner Zeitung, 31.01.2005