Der Schriftsteller Ephraim Kishon wird heute 80

 

Gibt es einen typisch israelischen Humor? Und wenn ja, warum nicht?" So beginnt eine Satire von Ephraim Kishon. Darin beschreibt er eine Situation, die so ungeheuerlich ist, dass sie wohl stattgefunden haben muss. Ein Lachwerk.
Nun wird den Deutschen gern nachgesagt, dass sie keinen Humor hätten. Sogar Kurt Tucholsky war überzeugt: dass "dieses Element den deutschen Menschen abhanden kam". Doch von Kishons 43 Millionen Büchern, die weltweit in 37 Sprachen verkauft wurden, erwarben 33 Millionen Exemplare ausgerechnet die Deutschen. Sie sind seine treuesten Leser.
Sie mögen es, wie der Fernseher, der Computer oder die Waschmaschine zum entscheidenden Thema erhoben werden. Sie kennen die Tricks von Jossele, dem Ehepaar Spiegel und Felix Selig. Sie würden niemals mehr die Bedeutung einer Suppe, die Fütterung einer Aktentasche oder die Neigung zu Regenschirmverlusten unterschätzen. Und sie lieben die belehrungsresistenten Kinder, den angeblichen Familienvorstand und dessen resolutes Weib, die beste Ehefrau von allen. Es ist ein Vergnügen, zu verfolgen, wie der Alltag ins Absurde gerät. Der aufmerksame Leser weiß: Allen kann alles passieren.
Kishon ermuntert dazu, die eigene Schadenfreude genüsslich auszuleben. Wie er Menschen beobachtet und was er aus ihren Erscheinungen macht - das eigene Versagen inklusive - das ist seine Kunst. Frei von jeglicher Verschraubtheit und voll sinniger Gesellschaftskritik verfasst er seine geschliffenen Geschichten. Spätestens seit 1961 - und der unerhört heiteren Satire "Jüdisches Poker", die auch den schamhaftesten Leser in der Öffentlichkeit enthemmt zum Lachen zwingt - gibt es in der Literatur den Kishon-Sound. Diesen, seinen Ton rettet er mitunter in seine Romane, die er (wie in "Mein Kamm") aber auch reichlich mit Sarkasmus ausgestattet hat.
Heute wird der meistgelesene Satiriker 80 Jahre alt. Aus diesem Anlass, und nachdem zum 75. Geburtstag "Alle Satiren" erschienen sind, bringt der Verlag Langen Müller nun "Alle Romane" in einem Band heraus. Damit liegt erstmals Kishons Werkausgabe komplett vor.
Ference Hoffmann, der bei seiner Einreise in Israel von einem völlig überarbeiteten Beamten einfach in Ephraim Kishon umbenannt wurde, hat in seinem Leben so viel erreicht, dass sowohl sein Schaffen als auch sein Erfolg für mehrere Schriftsteller reichen würde. Er ist mit internationalen Auszeichnungen überschüttet worden, erhielt für seine Verfilmungen drei Golden Globes, war zweimal für den Oscar nominiert und einmal für den Literatur-Nobelpreis. Letzteres war für ihn eine Genugtuung: "Die Sache hat mich nicht wirklich entsetzt." Er hätte ihn gern bekommen.
Warum er ihn nicht bekam, darüber denkt Kishon laut nach, indem er unzählige Interviews gibt. Zwar heißt es in einer seiner Satiren: "Meiner Meinung nach soll ein Schriftsteller schreiben und nicht reden". Aber dann redet er doch und argwöhnt: "Israelis sind nicht gerade populär" oder "In den Komitees sitzen von Neid zerfressene Kollegen". Immerhin, so schließt er, "wird mit der Nominierung die Verachtung schon etwas schwieriger". All das klingt verbittert. Und das ist der Punkt, an dem man die öffentliche Persönlichkeit Kishon von der Privatperson Kishon trennen muss.
Kishon wurde 1924 in Ungarn geboren. Als er sein Abitur mit Auszeichnung ablegte, durfte er nicht mehr studieren, weil er Jude war. 1944 in die Slowakei getrieben, dann nach Polen deportiert, kehrte er nach Kriegsende zurück. 1949 beschloss er jedoch auzuwandern. Seitdem ist Israel seine erklärte Heimat. Auch wenn er seit mehr als zwanzig Jahren noch ein Haus in der Schweiz hat und weltweit unterwegs ist, wäre es für ihn "eine Beleidigung, wenn man mich als Kosmopoliten bezeichnet." Kishon ist ein 150-prozentiger Israeli. Einer, der nicht wieder Jude sein möchte "in Europa". Einer, der Arafat als "Hetzer seines Volkes" sieht und sich den Unmut linker Intellektueller Israels zuzieht. Einer, der gern betont, dass er "von rechts nach links schreibt".
Kishon ist als Mensch die Summe seiner Erfahrungen. Als Autor aber ist er Teil des Versöhnungsprozesses zwischen den Juden und den Deutschen. Denn als dieser ermöglicht er konsequent ein unbelastetes Kennenlernen und Sichmögen.
Wer Kishon liest, kann kaum glauben, was für eine große Herausforderung die Satire ist. So, wie er das Niveau hält, scheinen ihm die Geschichten aus den Fingern zu fließen. Doch beruhigenderweise sitzt er bis zu 18 Stunden am Schreibtisch. Beunruhigenderweise hat er mit dem ersten Satz auf dem Papier schon den letzten im Kopf.
Dabei antwortet er auf die Frage nach dem typisch israelischen Humor - indem er ihn ganz entschieden aufschreibt. Und mit Kishon glaubt man, dieser sei der beste.

Berliner Zeitung, 23.08.2004