Waschen, schneiden, leben: Der Kinofilm "Die Friseuse" (von Doris Dörrie) erzählt eine Geschichte der Selbstbehauptung

 

Auf den ersten Blick ist sie eine ganz normale Frau mit ganz gewöhnlichen Geschmacksverwirrungen: Sie trägt zum grünen Kleid eine blaue Jacke und wahlweise Ananas-Ohrringe oder eine Bananen-Halskette. Nein, sie sieht nicht aus wie Marilyn Monroe - eher so, als hätte sie Marilyn Monroe gefrühstückt. Die Frau hat Format! Erst auf den zweiten Blick offenbart sich jedoch die eigentliche Dimension dieses Menschen: Kathi hat Rückgrat und Persönlichkeit.
"Die Friseuse" ist der neue Film von Doris Dörrie, der sich an einer wahren Geschichte orientiert. Es ist die Geschichte der Berlinerin Kathleen Cieplik, einer Friseur-Meisterin, die heute einen eigenen Salon in Prenzlauer Berg hat. Ihr Handwerk lernte sie vor mehr als zwanzig Jahren im VEB Dienstleistungskombinat. Ihr Mundwerk dagegen ist eine natürliche Begabung. "Hölle is relativ", sagt Kathi gleich am Anfang des Films. "Diskriminierung ist meen zweiter Vorname", stellt sie später fest. So etwa spricht auch die echte Kathleen. Es ist mehr als erfrischend, weil ungekünstelt.
Nun verkommt die für Berlin typische, ruppige Art in Filmen oft zur Klamotte. Bevorzugt wird das Berlinern dem Prekariat zugeschrieben, was natürlich völliger Blödsinn ist. Hier aber charakterisiert der Dialekt eine enthusiastische Lebenseinstellung. "Die Friseuse" ist eine gelungene Sozialkomödie, die die Menschen versteht, über die sie erzählt. Der Film ist ein Statement.
Haus weg, Garten weg, Auto weg und der Mann auch. Das ist die Situation. Doch Kathi, überdies arbeitslos und alleinerziehend, nimmt ihr Schicksal mit erbarmungslosem Optimismus und rettet sich mit Ironie und Wortwitz über die schlechten Zeiten. Sie ist der Prototyp einer fröhlichen Anarchistin. Hier beweist sich die Drehbuchautorin Laila Stieler erneut als gute Beobachterin, die in Sprache und Stil genau weiß, welches Milieu sie gerade entwirft. Egal, ob der Herr von der Berufsgenossenschaft oder die Dame aus dem Gesundheitsamt, der Existenzgründerberater oder der Banker das Wort erhebt - die Figuren wirken glaubhaft moralisch verbrämt. Ob auf dem Arbeitsamt oder im Salon - die Autorin hat sorgfältig recherchiert. Und Gabriela Maria Schmeide ist als Kathi eine Idealbesetzung: Sie spielt sie authentisch, uneitel, entschieden. Überzeugend.
Berlin-Marzahn ist Kathis Heimat. Im Salon eines nahe gelegenen Shopping Centers bewirbt sie sich und bekommt per Telefon eine Zusage. Doch als sie am ersten Arbeitstag ihre Stelle antreten will und extra aufgehübscht im Salon erscheint, findet die Chefin sie zu dick. Sie erklärt Kathi, dass der Friseurberuf ein ästhetischer sei: "Und Sie sind nicht ästhetisch." Diese unverschämte Szene hat sich tatsächlich so zugetragen - und jene hochnäsige Chefin, die die Vorlage lieferte, hat die großartige Maren Kroymann als Filmfigur eigentlich gar nicht verdient. Nur, diese Szene geschah livehaftig im KaDeWe. Was den Münchner Filmemachern wohl nicht wichtig erschien, aber für das lokalpolitische Verständnis Berlins eben auch nicht unwichtig ist. Im Eastgate hätte man gesagt: Aller Umfang ist schwer - na jut, Marilyn stand ja auch nicht in der Anzeige.
Kathi jedenfalls ist mit Leib und Seele Friseuse. Macht sie eben ihren eigenen Salon auf. Von der Bank möchte sie einen Kleinkredit, vom Center eine Ladenfläche - was sie bekommt, sind Hausaufgaben: Ein Exposé bitte, eine Marktanalyse natürlich, selbstverständlich auch einen Finanzierungsplan und eine Rentabilitätsvorschau. "Wieso?" fragt sich Kathi. "Haare wachsen doch immer". Da mag die Möchtegern-Unternehmerin noch leichtsinnig wirken. Tatsächlich aber ist sie furchtlos.
Gut so. Denn mutig sein, ist schon die halbe Miete - die andere Hälfte sind 2 500 Euro. Jetzt muss irgendwie Geld her. Kathi arbeitet erst mal im Seniorenheim als mobile Friseuse. Verlangt wird dort "Dauerwelle und Silbergrau" (also die Margot-Honecker-Blautönung). Das ist keine große Herausforderung, aber immerhin ein kleiner Nebenverdienst. Eine Dame stirbt unter der Haube - diese Begebenheit ist zwar traurig, aber wahr. Sie hätte als Höhepunkt genügt. Reiner Erzählschmuck dagegen ist, dass auch noch ein älterer Herr bei der Haarwäsche onanieren muss. Das ist leider kein dramaturgischer Kniff, sondern nur ein theatralischer Griff - in die Hose.
Schnell fliegt die Schwarzarbeit auf. Nun beschafft sich Kathi illegal ihr Startkapital - und wird zur sympathischen Gelegenheitskriminellen, als sie Vietnamesen aus Polen nach Deutschland schleust. Der Regisseurin Doris Dörrie ist es dabei gelungen, nicht die Probleme der einen (Illegalität) gegen das Problem der anderen (Arbeitslosigkeit) aufzuwiegen. So legt sich kurz ein sanfter, völlig unplakativer Konsens über ein Marzahner Wohnzimmer.
Kathi hat indes alles getan, was von ihr verlangt wurde - aber es wurde längst noch nicht alles von ihr verlangt: Zur Saloneröffnung kann sie zwar einen Mietvertrag und die komplette Einrichtung vorweisen - doch ihr fehlt: das rutschhemmende wie wasserabweisende Laminat der Abriebklasse AC 5. Daran scheitern in Deutschland Träume. So werden aus freien Unternehmern Unternehmer im freien Fall.
Zu allem Überfluss wird Kathi noch eine Multiple Sklerose angedichtet. Morgen für Morgen richtet sie sich mühevoll an einem Seil auf - eben an einem Seil, nicht aber an den Menschen. Ein schönes Stilmittel, trotzdem ein aufdringliches.
Diese Frau hat zwar kein Geld, aber für alles einen Plan. Doch ihre enorme Energie ist geradezu unheimlich. Zum Glück muss Kathi nicht immer stark sein, sie darf auch mal verzweifeln und zusammenbrechen. Genau das unterscheidet eine starke Frau von einer naiven - und genau das rettet den Film. Er ist letztlich ein Plädoyer für den würdevollen Umgang, mit rührenden Momenten. Niemand hat hier Marilyn Monroe erwartet.


Die Friseuse Dtl. 2010. Regie: Doris Dörrie, Drehbuch: Laila Stieler, Kamera: Hanno Lentz, Darsteller: Gabriela Maria Schmeide u. a.; 106 Minuten, Farbe. FSK ab 6.
Der Film lief auch als Berlinale-Special.

 

Berliner Zeitung, 18.02.2010