Beck, Beck, Beck.
Immer sehe ich was von Beck.
Immer höre ich was von Beck.
Immer lache ich über Beck.
Aber: Wer sind Sie eigentlich, Herr Beck? Es ist verwirrend.

Ich weiß, was Sie machen: Sie sind ein Strichkünstler.
Ich weiß, wann und wo Sie geboren sind: 1958 in Leipzig.
Ich hab sogar Ihre E-Mail-Adresse.

Und beinahe hätte es auch mit einem Treffen in Berlin geklappt – warum sind Sie eigentlich weggezogen? Bietet Leipzig ein besseres Panoptikum? Ist hier die Skurrilitätendichte höher? – In Berlin jedenfalls wollten wir uns ja mal beschnuppern und ich hatte Ihnen versprochen, mich eigens zu diesem Zwecke reichlich mit meinem Thierry Mugler-Parfum zu konterminieren – aber dann waren Sie in Wien und ich wollte nach Buenos Aires. Da war es unwahrscheinlich, dass sich unsere Wege noch kreuzen würden – dass wir irgendwie noch aneinander begegnen. Und so wusste ich bis heute nicht: Wie sieht Beck eigentlich aus? Also: Wer ist Beck?

Hat er eine lange Nase? Und wenig Haare? – Wie seine Figuren.
Trägt er Schlips und Hosenträger? Oder einen Sprengstoffgürtel? – Wie seine Figuren.
Legt er sich über den Computer als „Bildschirmschoner“ oder als Chef über seine Sekretärin?
Ist er ein aggressiver Nordic-Walker oder ein widerstandsloser Couch-Potatoe?
Ist er Täter oder Opfer? Gibt es ihn überhaupt?

Nun ja, es gibt ihn. Sogar mehrfach: Meine Internetrecherche zumindest ergab: Detlef Beck

– arbeitet als Tierarzt in Kirchzarten
– ermittelt als Experte der Kriminalprävention in Köln
– betreibt eine Fahrschule in Nersingen
– verwirklicht sich als Versicherungsagent in Erfurt
– und: hilft als Mediator Konflikte zu bewältigen in Köln und Düsseldorf.

Hm. Tierarzt, Kriminalist, Fahrschullehrer – das könnte sein, dass da noch Geld zuverdient werden muss. Aber ein Konfliktbewältiger? Das kann nicht sein. Wären wir nicht so tragikomisch, kleinbürgerlich und streitbar, wie wir sind – hätte Beck ja nichts zu tun. Keiner von diesen Becks konnte also unserer sein.

Ach, lieber Beck: wer sind Sie denn nun?

 Ich suche den Beck, der schon drei Mal den Deutschen Karikaturenpreis gewann (2001, 2003 und 2007). Der so unermüdlich für die „Brigitte“, „Die Zeit“, „die taz“, das „Börsenblatt“ und viele andere Zeitungen und Zeitschriften arbeitet. Der wie ein Ideenkraftwerk täglich neue Becks auf seine Website „schneeschnee.de“ stellt. Der seine Freakshows als Ausstellungen tarnt und Bücher herausgibt, die gar nicht mehr lieferbar sind. Genau den Beck suche ich.

Es ist nicht einfach, ihn zu finden, wirklich nicht. Aber es macht Spaß, ihn zu entdecken. (Übrigens bei ebay gibt es noch Bücher von Beck – dort sind jedoch die Inhaltsangaben wesentlich kürzer als die Widerrufsbelehrungen des Verkäufers). Aber wenn man Beck erstmal entdeckt hat, dann glaubt man, zu wissen, wie er tickt. Dieser Beck. Wenn er nämlich gut ist, ist er wirklich gut, aber wenn er böse ist, ist er noch besser. Unser Beck.

Architektur und Gebrauchsgrafik hat er immerhin einmal angefangen, zu studieren. Als Zeitungsverkäufer und Werbegestalter hat er sich dann weiter durchgeschlagen. Geworden ist aus ihm ein genauer Beobachter. Und er durchschaut sie alle: Die Draufgänger und die Verklemmten. Beck ist quasi ein Menschenversteher mit Diplom.

Damit steht er in der Tradition geschätzter Kollegen wie Manfred Bofinger und Willy Moese. Aber eben in der Tradition. Wie steht es derzeit um all die Zeichenkünstler? Die Hochschulen in Deutschland bilden nur Grafiker und Illustratoren aus. Das Fach Komischer Zeichner oder Cartoonist gibt es überhaupt nicht. Kürzlich erst meldete die Deutsche Presseagentur dpa sogar, dass der Berufsstand der Cartoonisten gar „auszusterben droht“. Sehr verehrte Gäste, wir versammeln uns heute sozusagen um ein Auslaufmodell.

Wir könnten seine Arbeit jetzt würdigen als „homogenes Darstellungswerk, das antizipatorisch als Unbehagen erfahrbar ist“. Wir könnten Becks „postliterarische Motivation, seine kontraversale Ästhetik oder seinen gesellschaftskritischen Diskurs“ loben. Wir könnten auch über sein komplex-kritisches Potential“ konferieren oder „die Substanz seiner Ursprünglichkeit“. Aber: Wir haben Achtung vor dem Begriff Kunst, der immer gern angeführt wird – und sich gegen seine Verwendung nicht wehren kann. Und: Wir haben Respekt vor Beck, der hier heute leibhaftig anwesend ist – und sich wehren kann.

 Deshalb würdige ich seine Arbeit als das, was sie ist: Keine Interpretation, sondern eine Dokumentation.

Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört – es müsse sich dabei doch auch was denken lassen. Aber in einem Land, in dem Worte wie Rentnerschwemme, Humankapital oder sozialverträgliches Frühableben salonfähig sind, ist man froh, wenn einer „nur“ zeichnet.

Lieber Beck, Herrlich ist ihre unbändige Freude an der gegenseitigen Unvollkommenheit von Männlein und Weiblein. (Ich mag übrigens ganz besonders die garstigen Frauen, die Sie zeichnen – und hoffe immer, dass es nicht mich betrifft, denn wir sehen uns ja heute zum ersten Mal!) Wie sie mit einem zweifachen Auerbachsalto in der gehechteten Ausführung den wirtschaftlichen Abschwung offenbaren. Wie Sie Konsumrausch und Ökoterror karikieren. Keine Merzrevolution, keine Novemberdepression kommt ungezeichnet an ihnen vorbei. Auch kein Grüner Punkt und keine braune Tendenz. Mit galliger Vergnügtheit und herziger Ironie kann alles in die Krise geraten – außer ihr Humor.

Sie berichten nicht selten aus den Tiefen des Prekariats – und wie Sie noch von „da unten“ auf andere herabschauen – das gefällt mir. Ich danke Ihnen an dieser Stelle dafür, wie Sie unsere Minderwertigkeitskomplexe vortrefflich pflegen.

Das Desaster ist bei Ihnen ebenso heiter wie verbindlich. Egal, ob Notschlachtung, Arbeitslosigkeit, Senioren-Oasen alles bekommt bei Ihnen ein Gesicht. Frei nach dem Motto: Nur wer zerknittert ist, hat echte Entfaltungsmöglichkeiten. Ihre Botschaften vermitteln Sie treffend über dieses nörgelnde, komische Wesen, das sich gerne mal erniedrigt und noch lieber überschätzt. Über den Menschen eben.

Ja natürlich: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Aber nein: Unsichtbar ist sie eben nicht. Schauen sie hin: Beck hält sie fest – die Würde und den Menschen.

In jedem kleinen Problem steckt ein großes, das gerne raus will. Ich vermute, dass Sie selbst im tiefsten Inneren ein Fan von Tortendiagrammen sind und heimlich Problemzonengymnastik machen. Aber ich würde es nie weiter erzählen – Höchstens mal in der Zeitung schreiben.

Ich bin ja nun von der Zeitung – da verhält es sich wie mit Büchern – wir arbeiten im Printbereich, einem immer wieder gern totgesagten Medium. Aber, lieber Beck, solange man mit einem Computer keine Mücken totschlagen kann, solange werden unsere Artikel und ihre Bücher noch gebraucht.

Bücher und Zeichnungen sind die einzigen Verbrechen, bei denen sich die Täter bemühen, Spuren zu hinterlassen. „Sag’s mit Büchern“ ist also der Titel dieser Ausstellung. Für mich persönlich ist diese Ausstellung aber noch mehr als eine Spur: Sie ist eine Art Weiterbildung. Denn erstens, lieber Beck: Wie kann ich wissen, was ich denke, bevor ich sehe, was sie zeichnen?

Und zweitens: Endlich weiß ich, wie Beck aussieht. Danke für das Privileg.

 

Aus meiner Laudatio auf Beck, das Phantom
zur Ausstellungseröffnung am 6. Mai 2009, im Haus des Buches / Literaturhaus Leipzig